3 Kilo Wolle x 15 Arbeitsstunden = Teppich

Nein, ich wollte eigentlich keinen Teppich filzen. Niemals. Weder mit Maschine, noch zu zweit, noch sonstwie, nachdem ich mit Kindern letzten Sommer einen gefilzt hatte. Nicht, weil es nicht lustig war, sondern, weil es mächtig viel Arbeit ist. Allerdings hab ich diesen Entschluss ohne meinen Mann gemacht. Der fand nämlich großen Gefallen an dem Kiddies-Teppich, als dieser kurzfristig bei uns zu Hause im Wohnzimmer zwischenlagerte. Er wollte ihn gleich behalten: „Toll, bleibt der da? Der ist so weich“. Ich: „Nein! Der gehört den Flüchtlingskindern.“ Er: „Schade.“ Zugegeben: ich war mir nicht so sicher, wie ernst es ihm war, weil er mich schlicht und einfach gerne papierlt, des papierlns wegen. Als ich in den letzten Wochen allerdings bei jedem Projekt (egal ob Schal oder Filzprobe), so lange das Teil noch flach am Tisch lag, hörte: „Super, du machst einen Teppich! Den wünsch ich mir schon lange!“ hat’s mir gereicht: „Wenn du einen Teppich willst, gerne – kostet 70 Euro.“ Das ist nämlich das Honorar meines Osteopathen und es lag klar auf der Hand, dass ich diesen ob der bevorstehenden Schwerstheb- und Walkarbeit in der Post-Teppich-Ära brauchen würde.
 

Catch me in Wonderland
Im Gegensatz zu anderen Filzprojekten war ich in punkto Planung im typisch Wienerischen Schaumamal-Modus. Ich wusste nur, dass ich einen runden Teppich machen wollte, weil eckige haben wir zuhauf. Außerdem dachte ich mir, dass eine runde Form einfacher ist. Warum auch immer. Mehr als 160 Zentimeter durfte das Ausgangsmaß nicht haben, weil ich weder den Parkett im Wohnzimmer fluten noch im Freien auslegen wollte. Mein Wolllager beherbergte noch üppige Bestände an Bergschaf- und Moorschnuckenwolle, somit stand die Materialwahl fest und gleichsam die Farbe. Motivlos geht’s im Filzreich jedoch gar nicht, weshalb ich mir zum vermutlich 1001ten Mal einen DVD-Abend mit Disney gönnte. Die Muse küsste mich nächtens, als sich vor meinem träumerischen Auge ein Hamsterrad mit Alice, dem weißen Hasen und dem verrückten Hutmacher wild zu drehen begann. Danach war alles bis zum Zeitpunkt des Anfilzens ein Klacks. Der Wasserkessel wurde angeheizt, die Wolle geflutet und angefilzt und angefilzt und angefilzt. So. Viel. Wasser. So. Viel. Wolle. Uff. Nie. Wieder.
 


 

Rumpelstilzchen trifft Hamsterrad
Pitschnass eingerollt wurde der Teppich dann mit vereinten Kräften auf die Terrasse geschleppt. Und ich war schwer beeindruckt (die Betonung liegt auf schwer), wie viel Wasser in drei Kilogramm Wolle passen. Uff. Nie. Nie. Wieder. Und ich war noch lange nicht fertig. Auf der Walkschneise im Garten wurde stundenlang gerollt, gestampft, gedrückt und es kam sogar ein überdimensionales Walkholz zum Einsatz. Uff. Nie. Wieder. Dieser Gedanke nahm glücklicherweise proportional zur Schrumpfung ab. Bis das Unteil endlich so weit geschrumpft war, um einen stabilen Filz abzugeben. Yey! Fast! Fertig! Und eine Milli-Sekunde nach dieser Erkenntnis hab ich das Handtuch geworfen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn dann stand ich vor der Herausforderung, den Teppich auszuwringen. Bloß wie? Abtropfen lassen? Ausdrücken? Dann kam mir eine Idee: Handtücher auflegen, drauf rumtrampeln, Handtücher in die Wäscheschleuder, halbwegs trockene Handtücher wieder auflegen und noch eine und noch eine und noch eine Runde Rumpelstilzchen spielen und das in einer gefühlten Endlosschleife. Da kam ich mir dann vor, wie im Hamsterrad. Später gönnte ich dem immer noch sehr feuchten Teppich etwas Restwärme durch herbstlichen Sonnenschein.
 


 

Ein altes Bettgestell aus Holz (das sind die wahrhaft nützlichen Dachbodenfunde!) eignete sich später hervorragend als Wäschetrockner, bis der Teppich nach knapp zwei Tagen komplett trocken war. Kreisrund. Flauschig. Schön. Unpackbar saustolz über das Endprodukt konnte ich mich nach dem Date mit meinem Osteopathen auch wieder bewegen. Dieser hat sich übrigens köstlich über meine Geschichte amüsiert.
 


 

Nachtrag: Mein Mann wird größenwahnsinnig (von wem er das wohl hat?!?). Jetzt will er noch einen Teppich, leider keinen Bettvorleger… Winter sei Dank geb ich die Hoffnung auf eine partielle Amnesie bei ihm nicht auf. Die Erinnerung an 15 Stunden Schmerzarbeit Schwerstarbeit sind noch so frisch.







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