Die Gründerin

Gruppenaudienz bei der Gründerin

Auszüge der ersten konstituierenden Sitzung

Die Fragen stellten: Fremdlinge, Bekanntlinge, Feltinis® (Filzreich®-BewohnerInnen)
Schriftführer: Theodor v. Gletschersee I.

Mark von Noir I.:
Was ist deine Lieblingsfarbe?

Gründerin:
Bunt.

Gräfin Loretta von Löffel:
Meine ist gelb. Gelb wie der Löwenzahn auf der Wiese und gelb wie der erlauchte Anblick meines Spiegelbilds. Und warum magst Du Wolle?

Gründerin:
Ich mag fluffige Dinge, weil sie so gut zu knuffen sind. Außerdem liebe ich knuddelige Schafe. Sie sind Slowfood-Esser, Meister im Entschleunigen und sehr genügsam. Ganz anders, als ich. Abgesehen davon sehen die vielen Arten so drollig aus. Hast Du etwa jemals ein zotteliges Zackelschaf gesehen?

Gräfin von Löffel:
Bei allen Krönchen, bewahre! Schafe sind doch dumm wie Bohnenstroh.

Ludmilla von Bohnenstroh:
Ich verbitte mir solche Vorurteile. Schriftführer, diese Meldung ist ersatzlos zu streichen.

Fürst von Gletschersee:
Korrekt. Ich halte lediglich fest: „Vorurteile sind blöd.“

Gründerin:
Verehrte Gräfin, Schafe sind nicht dumm – im Gegenteil: wusstest Du, dass es Schafe im benachbarten royalen Britannien schafften, einen für Vieh an sich unüberwindbaren Weiderost doch zu überqueren, um zu einer köstlichen Futterwiese zu gelangen?

Gräfin von Löffel:
Ach, ist’s wahr?

Gründerin:
Ja. Sie legten sich seitlich oder rücklings hin und robbten hinüber. Clever, nicht? Sir Mac Farmer war von den ökologisch unbedenklichen Rasenmähern allerdings gar nicht amused. Bei der Gelegenheit darf ich gleich auf einen Fehler der Linguistik hinweisen und erklären, warum Rasenmäher Rasenmäher heißen. Es hat nicht wie irrtümlich angenommen mit dem mittelhochdeutschen Wort „mâd“ (die Ernte einbringen, Arbeit des Mähens) zu tun, sondern mit dem den Schafen ureigenstem Laut: Määääh! (Zustimmendes Nicken, verhaltener Beifall) Jedenfalls sind Schafe ungemein lernfähig. Und bei allen Locken, wie erst die Kühe neidisch waren!

Quidam von Confusus:
Und wie kamst du auf die Idee, Wolle zu Filzjuwelen zu verarbeiten?

Gründerin:
Ich bin ein Versuchsjunkie und eine Bastlerin. Seit ich krabbeln kann, muss ich alles, was ich sehe, nicht kenne und mich interessiert, betatschen, um es zu be-greifen. Ich habe später jeden nur erdenklichen Bastelkurs besucht, weil ich schier alles ausprobieren wollte: Töpfern, Tischlern, Seidenmalen, Siebdruck, Pappmaché, Buchbinden, Papierschöpfen und bei allen Krönchen, was weiß ich, was ich noch alles gemacht habe. Beim Verfilzen von Schafwolle bin ich dann geblieben. Dann kugelte ich einen Winter lang nur Filzkugeln, weil ich sonst anderes noch nicht anfertigen konnte.

Freiherr von Confusus:
Und wie ging’s weiter?

Gründerin:
Ich suchte, um meinem Ehrgeiz zur Ehre zu gereichen, nach den wahren Meistern und reiste sogar bis ins ferne spanische Königreich, um mich in diesem Handwerk unterweisen zu lassen. Zahlreiche Fähigkeiten erwarb ich mir allerdings autodidaktisch – denn es gibt viele verschiedene Wege, um aus Wolle Filzbarkeiten herzustellen. Jeder muss den ihm eigenen nur finden.

Freiherr von Confusus:
Und was ist so toll daran, sich dabei die Hände sauber zu machen, weil Seifenwasser dazu verwendet werden muss? (Anm.: Freiherr von Confusus verabscheut Sauberkeit, weil er in einem früheren Leben ein Schmutzfink war.)

Gründerin:
Filzen macht mir Spaß und beschert mir unvergessliche Wow-Erlebnisse! Die Faszination, aus einem Haufen fluffiger Wolle eine kuschelige Weste oder Patschen herzustellen, ist einfach total abgefahren! Hinzu kommt, dass meine früheren Lebensphasen sehr kopflastig geprägt waren: ich studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften sowie Medienmanagement, graduierte–

Freiherr von Confusus:
Mit Hütchen?

Gründerin:
Nein, ohne Hütchen.

Großherzogin von Bohnenstroh:
Ich muss darauf hinweisen, dass wir niemandem ins Wort fallen!

Gründerin:
Hm. Jedenfalls graduierte ich ohne Hütchen und arbeitete viele Jahre als Journalistin. Die Parallele, die mir gerade wie Fusseln von den Augen fällt ist, dass Filzen und Texten einander sehr ähnlich sind. Aus einem Haufen Wolle beziehungsweise Buchstaben entsteht ein Werk.

Freiherr von Confusus:
Aha, also Filzprodukt versus Textwerk – was machst du lieber?

Gründerin:
Ich finde beides fantastisch! Die nächste Frage bitte.

Fremdling:
Woher kommst du eigentlich?

Gründerin:
Ich habe mein erstes Bäuerchen an der nordafrikanischen Küste gemacht, in einem Land, wo die Sonne immer scheint bis sie am Abend ins Meer hüpft. Später kam ich mit meinen Eltern in die Geburtsstadt meiner Mutter, nach Wien. Obwohl ich lieber in die Heimatstadt meines Vaters übersiedelt wäre, nach Jerusalem. Weil’s dort wärmer ist.

Fremdling:
Dann bist du ein fremder Mischling wie ich?

Gründerin:
Hm, das ist politisch nicht korrekt ausgedrückt, aber im Grunde stimmt’s.

Robert von Rorschach I.:
Und bist du so kreativ, weil du aus verschiedenen Kulturkreisen kommst?

Gründerin:
Eine interessante Frage, die ich allerdings nicht beantworten kann. Ich glaube, dass alle Menschen kreativ sind und die Kreativität bei vielen, wenn im Alltag kein Raum dafür ist, einfach schlummert. Im schlimmsten Fall verkümmert sie ganz. Ich beobachte jedenfalls, dass mit der kreativen Betätigung – ob Malen oder Filzen – meine Ideen zu sprudeln beginnen, quasi permanenter geistiger Schnürlregen.

Graf von Rorschach I.:
Was macht du in deiner Freizeit?

Gründerin:
Filzen, schreiben, schwimmen, tauchen, zeichnen, malen, backen, lesen, zuhören, wandern, reden, mit Figuren spielen, lachen, herumalbern und sonstigen Schabernack treiben. Manchmal ärgere ich mich auch und springe wie ein Rumpelstilzchen durch die Gegend. Meist dann, wenn ich sonntags keine Schokolade im Haus finde oder weil ich die falsche Schlange an der Supermarktkassa gewählt habe oder in der Tasche mein Handy nicht finde (weil’s im Auto herumkugelt).

Prinzessin von Wunderhorn:
Was wolltest du als Kind werden?

Gründerin:
Eine glückliche, verwegene Piratin. Glücklich bin ich schon, verwegen, weiß ich nicht, und eine moderne Piratin bin ich im übertragenen Sinne vielleicht. Heute folge ich nämlich meinem eigenen Kurs, weshalb ich das Filzreich® gegründet habe, um mehr Spaß, Wissen, Wolle und Wonne ins Leben vieler Menschen zu bringen. Und in meines natürlich auch.

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